Erster Eindruck: Das Fairphone (Gen. 6) und /e/OS

Da in der Familie so langsam die alten Smartphones wegsterben, kam mir das Fairphone (Gen. 6) gerade recht, und ich habe es mir bei einem Aktionsangebot bestellt. Es kam mit dem Fairphone Stock Android an, aber da ich seit Jahren ein entgoogeltes Andoid verwende, wollte ich auch hier auf eine Google-Anbindung verzichten. Weil andere Custom ROMs wie CalyxOS (eigentlich mein Favorit) und IodéOS bzgl. des FP6 noch auf sich warten lassen, habe ich mir nun eben /e/OS genauer angeschaut.
(Natürlich kann man sich das Gerät auch mit /e/OS vorinstalliert als Murena Smartphone kaufen und sich das Installationsprozedere ersparen.)
Das Fairphone (Gen. 6)
Alle technischen Daten zum neuen Fairphone lassen sich hier nachlesen, daher beschränke ich mich auf ein paar Kommentare dazu.
Das Display sowie die Abmessungen (vor allem die Länge) des Smartphones sind im Vergleich zum Vorgängermodell etwas kleiner, was mir persönlich entgegenkommt.
An der Seite ist ein neuer Schiebeschalter angebracht (Moments). Beim Fairphone-Android wird damit standardmäßig auf eine reduzierte Oberfläche gewechselt. Eine nette Idee – ich hoffe nur, dass der etwas exponierte Schalter nicht mal kaputt geht. Ich wüsste nicht, dass man ihn (selbst) reparieren kann.
Für das Öffnen des Gerätes und für den Akkutausch bedarf es jetzt eines Schraubenziehers (Torx T5 – nicht im Lieferumfang dabei). Mich stört das nicht; in der Community scheint das aber ein größeres Thema zu sein …
… ebenso die Tatsache, dass es nun nur noch einen USB 2.0-Anschluss gibt, über den also auch keine Bildsignale ausgegeben werden können.
/e/OS Installation
Eigentlich wollte ich den bequemen, webbasierten Installer (/e/OS Installer) verwenden, doch anders als beim Vorgängergerät scheint dieser für das Fairphone 6 noch nicht verfügbar zu sein (Stand: Anfang Juli 2025).
Also musste auf die manuelle Installation zurückgegriffen werden, die zum Glück recht gut beschrieben ist.
Achtung: Man sollte dieser Anleitung ganz genau folgen und insbesondere den Hinweis auf das anti-rollback Feature beachten. Hat das zu installierende Betriebssystem einen älteren Security-Patchlevel als das derzeit installierte, macht man aus dem teuren Smartphone nämlich einen Ziegelstein.
Die Installation hat dann auch problemlos funktioniert – mit einem kleinen Unterschied zur Anleitung: Zum Schluss hat das Installationsskript nicht auf eine Eingabe gewartet, sondern es hat das Gerät sofort neu gestartet. Daher musste ich nochmals in den Fastboot-Mode wechseln (rebooten), um den Bootloader-Lock durchzuführen. Kein Problem also, aber bei so einer diffizilen Operation wird man bei jeder Abweichung vom Plan doch leicht nervös.
Ersteinrichtung
Nach der üblichen Prozedur zur Ersteinrichtung (Auswahl der Sprache usw.) fällt auf, dass schon einige Apps vorinstalliert sind. So richtig deinstallieren lassen sie sich auch nicht. Man kann sie jedoch bei aktivierten Entwickleroptionen und eingeschaltetem USB-Debugging mit dem Kommando adb shell pm uninstall --user 0 packagename
quasi oberflächlich entfernen. Möchte man eine der Apps wieder haben, lässt sich das mit adb shell cmd package install-existing packagename
machen. packagename ist durch den eigentlichen Paketnamen zu ersetzen, etwa foundation.e.calendar.
Ich habe letztlich folgende Apps „entfernt“:
- foundation.e.tasks
- foundation.e.notes
- foundation.e.mail
- foundation.e.blissweather
- com.generalmagic.magicearth
Als nächstes ist mir der Launcher aufgefallen. Hier kommt bei /e/OS Bliss standardmäßig zum Einsatz. Der war für mich so ungewohnt, dass ich ihn zunächst durch den Fossify Launcher ersetzt habe. Da man diesem seinen Beta-Status jedoch noch anmerkt, verwende ich bis auf weiteres Lawnchair. Hier bin ich aber noch etwas auf der Suche. Trebuchet etwa würde mir vollauf genügen. Diesen gibt es aber nicht in den App Stores und aus /e/OS wurde er allem Anschein nach entfernt.
Apropos Apps. App Lounge mag ich nicht verwenden, darüber habe ich schon zu viel Zweifelhaftes gehört. Daher habe ich dessen automatische Aktualisierung von Apps ausgeschaltet und verwende nur F-Droid und wenns sein muss den Aurora Store.
Anbindung an die Nextcloud
Die Nextcloud-App an sich ließ sich wie gewohnt problemlos installieren und einrichten. Für die Kalender- und Kontaktesynchronisation habe ich zunächst versucht, das in /e/OS integrierte (!) DAVx5 zu verwenden. Zwar konnte ich meine Nextcloud als Murena.io-Konto einbinden (Einstellungen → Konten) und Kalender sowie Kontakte wurden synchronisiert. Allerdings gab es Probleme mit der Tasks.org-App, die keine Aufgaben finden konnte und womöglich einfach mit dem angepassten /e/OS-DAVx5 nicht zurechtkommt. Natürlich habe ich auch den Kontotyp WebDAV ausprobiert. Damit wurden jedoch noch nicht mal die Kalender erkannt. Kurzum: Ich habe das integrierte DAVx5 links liegen lassen und das „offizielle“ aus dem F-Droid Store verwendet. Damit hat alles (Kalender, Aufgaben, Adressbuch) auf Anhieb funktioniert.
Erster Eindruck
Ich bin noch dabei, das /e/OS genauer zu Erkunden. Das System gefällt mir soweit recht gut, auch wenn ich etwas skeptisch ob des gemütlichen Ausrollens von Sicherheitsupdates bin, das man /e/OS ja nachsagt. Auf Eingaben, Wischgesten usw. regiert das System flott und ohne spürbare Verzögerungen; die Schwuppdizität™ ist hoch.
/e/OS hat auch ein paar Schmankerl zu bieten. Auf Anhieb gefallen hat mir die Advanced Privacy Funktion, die einen App-Tracker-Blocker, einen Standortverfälscher sowie die Verschleierung der eigenen IP-Adresse bietet. Die Einstellungen können bequem appspezifisch angepasst werden. Über Find my Device lässt sich – sofern man das möchte – per SMS der Standort des Smartphones ermitteln. Außerdem ist gibt es auch einen Bereich Elternaufsicht, der leider noch ein bisschen überschaubar ist. Zumindest die Bildschirmzeit lässt sich damit gut einschränken. Die App-Installation kann auf altersgemäße Apps begrenzt weden, was aufgrund der Altersbewertungen, die ich auf die Schnelle in App Lounge gesehen habe, wenig hilfreich ist. Über eine Eltern-PIN kann man auch die Installation anderer Apps erlauben. Bei alternativen App Stores funktioniert das natürlich nicht. Da wird auch keine PIN angezeigt. Ich musste die Elternaufsicht deaktivieren, damit eine App aus F-Droid oder Aurora Store installiert werden konnte.
Manches erscheint mir wenig praktikabel (Bliss Launcher) oder etwas nervig (nicht wirklich entfernbare Apps, eingebettetes DAVx5), womit man allerdings umgehen kann. Insgesamt macht das /e/OS und seiner für mich hinreichenden Trennung von Google aber einen guten Eindruck.
Übrigens, zumindest meine Banking Apps (Volksbank) haben unter /e/OS wie etwartet funktioniert.
Was das Fairphone 6 angeht freue ich mich über eine wirklich alltagstaugliche Ausdauer des Akkus. Bei meinem mäßigen Smartphoneumgang sind drei Tage locker drin, bevor das Ding wieder ans Ladegerät muss. Das etwas kleinere (aber hellere) Display verglichen mit dem Vorgängermodell kommt mir auch entgegen. Da die Lautstärketasten auf die linke Seite des Gerätes gewandert sind, betätige ich diese jedoch unabsichtlich noch etwas zu oft, gerade wenn ich eigentlich nur den Ausschaltknopf drücken möchte. Momentan ist der neue Schiebeschalter des FP6 unter /e/OS noch etwas sinnlos: Es wird lediglich die Kamera und das Mikrofon ausgeschaltet. Aber vielleicht tut sich da ja auch noch was.
Unterm Strich kann ich die Kombination Fairphone (Gen. 6) und /e/OS empfehlen. Beides ist nicht perfekt. Aber man erhält ein nach Möglichkeiten fair produziertes Smartphone und ein weitgehend entgoogeltes Android-Betriebssystem, das dadurch großen Schritt in Richtung Datenschutz macht.
(Bildquelle Titelbild: https://fairphone.com)